Text über Hein Spellmann


Dr. Stephan Trescher
MOBILE HOMES

Die Werke von Hein Spellmann basieren auf Fotografien von Architektur. In der ganz überwiegenden Zahl der Fälle entfernen sie sich jedoch weit von der im letzten Jahrzehnt quadratkilometerweise produzierten fotografischen Flachware und nehmen eine quasi skulpturale Gestalt an. Das Rechteck der Fotografie wölbt sich uns entgegen, krümmt sich an allen vier Seiten wie auch den Ecken zurück zur Wand. So als hätte jemand die architektonischen Ansichten buchstäblich aufgeblasen. Es entstehen seltsame Zwitterwesen aus Bild und Skulptur, die dem definitorischen Zugriff immer wieder entgleiten. Ihre Form ist kissenähnlich, organisch gerundet und wirkt weich. Tatsächlich sind Spellmanns Bilder über einen mit Schaumstoff gepolsterten Holzkern gespannt. Ihre Oberfläche ist mit transparentem Silikon versiegelt, hochglänzend, sie wirkt abweisend und spiegelnd glatt wie nasser Lack.

Auf den ersten Blick wollen die Motive weder zur Form noch zur Oberflächengestaltung passen: Fassadenausschnitte, die so gut wie immer eine Fenster- oder Türöffnung oder wenigstens eine nischenartige Vertiefung besitzen. Es sind allesamt Außenhüllen, Gehäuse, Exterieurs, aber doch mit der Andeutung einer Möglichkeit, ins Innere vorzudringen – Bilder, die zwischen Abweisung und Einladung die Balance halten. Darüber hinaus sind diese Architekturdetails so gewählt, dass sie den Bildobjekten noch mehr Raumtiefe verleihen oder deren dreidimensionale Ausdehnung zumindest plausibler machen (selbst wenn nur in wenigen Fällen auch tatsächliche Ein- und Durchblicke möglich sind und sie meistens durch Gardinen, Bemalungen, Schatten oder Spiegelungen im Imaginären verharren).

Die allseitige Rundung von Spellmanns Polsterbildern verleiht ihnen eine große Geschlossenheit der Form, weshalb sie stets als selbstständige Einheit wahrgenommen werden, aller Ausschnitthaftigkeit der Fotos zum Trotz. Diese Autarkie der Bildobjekte fällt da besonders auf, wo Hein Spellmann ganze Plattenbauten in einzelne, annähernd gleiche Elemente zerlegt und in der Wiederkehr des Immergleichen die Modularität der Bauweise veranschaulicht. Dabei ist es ihm nicht um die Kritik an einer aus dem Ruder gelaufenen architektonischen Moderne zu tun, auch wenn von den unendlichen Reihen genormter farbloser Fensterausschnitte eine fast körperlich spürbare Verlassenheit und Ödnis ausgeht. Eher zeigt sich darin eine strukturelle Verwandtschaft zwischen den seriellen Verfahren des industriellen Wohnungsbaus und der Nüchternheit und Serialität minimalistischer Skulpturen, die Hein Spellmann zugleich zitiert und ironisch bricht, indem er seine uniformen Gebilde mit so viel Wirklichkeit anreichert und durch individuelle Abweichungen belebt. Auch in dieser Hinsicht (und nicht nur in der Frage ihrer Gattungszugehörigkeit) sind sie also von durch und durch hybridem Charakter.

Das Arbeiten in Modulen ermöglicht es dem Künstler, seine Einzelobjekte theoretisch bis ins Unendliche zu vervielfachen und in wechselnden Konstellationen anzuordnen (vgl. die Präsentation von Magdeburg I in Wendlingen). Besonders in den streng horizontal ausgerichteten Serien springt dabei eine weitere gegenständliche Assoziation ins Auge, die mit der Beweglichkeit der Module korrespondiert: die Ähnlichkeit mit Zügen und ihren aneinandergereihten Waggons, an Straßen- oder Gondelbahnen, aber vor allem, konzentriert man sich wieder auf das einzelne Element, mit stromlinienförmigen Wohnwagen der 50er Jahre. Alle sind sie Fahrzeuge, oder, genauer gesagt: mobile homes. Mehr noch als von der flüchtigen, stets in Bewegung befindlichen Existenz des modernen Menschen erzählen sie von der Isolation des Großstadtbewohners: jedes zur Wohneinheit gerundete Bildobjekt eine Einzelzelle.

Gerade in seinen jüngeren Arbeiten bewegt sich Hein Spellmann aber weg von allzuviel Tristesse. Seine Bildobjekte formieren sich mehr und mehr zu Gruppierungen, zu streng komponierten Serien wie Düsseldorf oder Intercontinental, locker gefügten Ensembles wie der Neuen Heimat, räumlich-rhythmischen Varianten wie in den Blue Openings oder sogar zu erzählerischen Folgen wie der filmähnlichen Sequenz des Staircase Strip. Auch die Farbigkeit ist nicht mehr nur von nostalgischer Blässlichkeit, baufälligem Steinbraun und verwaschenem Betongrau geprägt: Rote Wände, blaue Türen und grellgrün verklebte Fenster tauchen auf. In Blue Opening 1 bilden die blauverhängten Fenster und Rückwände mit den weißen Sockel- und Rahmenzonen konstruktivistische Variationsreihen, die eine bis dahin ungekannte Tendenz zur Abstraktion ins Spiel bringen. Sie ist so dominant, dass sie die architektonischen Ursprünge fast vergessen macht. Gleichzeitig setzt Hein Spellmann auch die Maßstabsverhältnisse in Bewegung und erzeugt innerhalb des Ensembles auf der Wand plötzlich eine illusionistische Tiefenstaffelung – einen neuen Raum. Wir betreten Neuland.



Text aus: Hein Spellmann, Galerie Stefan Rasche,Münster; UBR Galerie, Salzburg; Galleri Thomassen, Göteborg, 2005